Ein Interview mit Zahra

10.05.2017

Eigentlich ist es doch egal, wo man herkommt oder wo man geboren wurde, denn egal wo man sich wohl und gut fühlt, da ist dann eben die Heimat.“ – Zahra

Das AlarmTheater war in letzter Zeit viel auf Achse. Wir haben an einigen Veranstaltungen rund um das Thema Flucht und Integration teilgenommen. Ganz häufig erzählen dann die Jungs aus unserem Ensemble von ihren Erfahrungen. An dieser Stelle wollen wir einer unserer tollen Schauspielerinnen ermöglichen ihre Geschichten und Erfahrungen mit uns zu teilen. Also habe ich mich mit Zahra getroffen. Sie ist 17 Jahre alt, ihre Eltern kommen aus Afghanistan und sie ist im Iran geboren und aufgewachsen. Seit anderthalb Jahren lebt Zahra nun in Deutschland. Sie war gerade ein paar Wochen hier, da nahm sie schon an ihrer ersten Produktion „Ich kam allein – Kindertransporte“ im AlarmTheater teil, inzwischen kamen noch zwei weitere dazu.

(Fotos von Zahra aus den letzten Produktionen: „Ich kam allein – Kindertransporte“, „Das Spucken nach mehr“ und „Eigentlich geht es darum“)

Als erstes würde ich gerne wissen, wie es war als Mädchen oder als Frau, im Iran zu leben? Wie hast du dich dort gefühlt?

Zahra: In dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, gab es einen ganz großen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Und das fand ich überhaupt nicht gut. Weil ich glaube, zwischen Männern und Frauen gibt es gar keine Unterschiede. Wir sind alle Menschen, wir sind alle gleich. Auch in meiner Religion dürfen die Frauen nicht so viel machen. Aber ich bin ein Mädchen und ich mache, was ich will! Das habe ich schon immer gemacht.

Würdest du von dir sagen, dass du religiös bist?

Zahra: Ich glaube an Gott und meinen Propheten und ich mache, was ich gut finde. Und es ist mir egal, was die Leute darüber denken oder gar hinter meinem Rücken sagen.

Haben dich deine Eltern so erzogen?

Zahra: Meine Eltern haben mich gar nicht erzogen. (lachen) Sie haben mir immer Freiheiten und meine eigenen Entscheidungen gelassen. Meine Eltern haben das einfach toll gemacht.

Im Iran reden sie auch über meine Eltern und sagen: „Wie konnten sie ihre Tochter alleine nach Deutschland gehen lassen?!“ Obwohl ich mit meinem Bruder nach Deutschland gekommen bin. Sie meinen aber, ich wäre eine Jungfrau und ich hätte nicht ohne einen Ehemann nach Deutschland gehen dürfen. Mein Vater setzt sich darüber hinweg und ignoriert die Leute.

Na ja und wie gesagt, ich sehe eben keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ich möchte auch gerne Architektin werden. Jemand hat mir empfohlen, dass ich eine Ausbildung zum Maurer machen kann und irgendwie in Richtung Architektur gehe, dann kann ich auch studieren. Ich weiß, dass das eine ganz schwere und harte Arbeit ist, aber das ist mir egal! Viele Leute haben mir gesagt, dass das ein typischer Männerberuf ist, also gibt es in Deutschland auch noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Aber was soll’s… (lachen) Naja, mir haben schon immer alle gesagt, dass ich kein Mädchen bin, weil ich gar nicht wie ein Mädchen aussehen würde und mich für viele Sachen begeistere, die eher Jungs mögen.

(Zahra in ihrer Freizeit)

Wie war das denn im Iran? Waren da Mädchen und Jungs noch getrennt in der Schule?

Zahra: Ja, die sind immer noch getrennt. Aber in der Uni sind sie zusammen. Heutzutage im Iran studieren auch viele Frauen. Aber häufig nicht unbedingt, um mit dem Studium einen Beruf zu ergreifen, sondern eher, um zu zeigen, dass sie einen hohen Abschluss haben, also nicht für sich selbst.

Also gibt es noch eine sehr klassische Rollenverteilung im Iran? Die Frauen kriegen Kinder und ziehen sie groß und die Männer gehen arbeiten?

Zahra: Ja genau, das stimmt.

Du hast ja schon gesagt, dass Du mit deinem Bruder hergekommen bist. Warum hat dein Papa denn gesagt, dass ihr hier herkommen sollt?

Zahra: Das war meine Entscheidung! Ich wollte nach Deutschland kommen. Als Kind, habe ich immer gedacht, ganz egal wo, aber ich will nicht im Iran leben. Meine Geschwister sind zwei oder drei Monate vor uns nach Deutschland gekommen und deswegen dachte ich mir, Deutschland wäre gut. Und naja Deutschland ist ein ganz grünes Land, ich liebe die Natur. Das ist auch ein Grund. Und die Dinge, die ich machen wollte, gingen nicht im Iran. Ich konnte zum Beispiel zur Schule gehen, studieren, alles machen, aber danach hätte ich keinen Job bekommen, weil ich Afghanin wäre, obwohl ich ja im Iran geboren wurde.

Das heißt, du hättest von Anfang an gewusst, dass du im Iran gar keine Zukunft hast? Oder zumindest keine, die du möchtest.

Zahra: Ja, genau.

Du hättest heiraten und Kinder kriegen können, aber dann nicht arbeiten dürfen?

Zahra: Ja, und das kann ich mir gar nicht vorstellen. Naja, heute noch nicht. Ich glaube, wenn man seine Person findet, warum nicht… Aber in meinem Alter?! (lachen)

Wie lange bist du schon in Deutschland und wie lange in Bielefeld?

Zahra: Ich bin seit dem 30. Oktober 2015 in Deutschland. Ich bin mit meinem Bruder auch sofort nach Bielefeld gekommen, weil meine beiden anderen Brüder in Minden leben, haben sie uns nicht irgendwo anders hingeschickt.

Bist du dann in der Schule gut aufgenommen worden? Gefällt es dir? Und gibt es große Unterschiede?

Zahra: Ich bin gut aufgenommen worden und ja, es sind sehr unterschiedliche Schulsysteme. Im Iran bekommt man in jedem Fach ein Buch und muss es einfach nur durcharbeiten, von der ersten bis zur letzten Seite. Man lernt dort nur, um die Abschlussprüfung zu bestehen. In Deutschland bereitet der Lehrer einen auf die Schüler zugeschnittenen Unterricht vor. Das ist viel besser und macht richtig Spaß. So behält man auch viel mehr von dem, was man gelernt hat.

Das passt ja jetzt schon ganz gut zur nächsten Frage, ich wollte gerne wissen, was du an Deutschland gut und was du schlecht findest.

Zahra: Was ich in Deutschland gut finde ist die Steuer. (lachen) Nein, Spaß. Es gibt hier viele gute Sachen, wie zum Beispiel Krankenversicherungen. Im Iran hatten auch viele Leute Versicherungen, aber das war ganz anders. Und wenn jemand keine hatte musste er zahlen oder er blieb krank, auch wenn er daran starb. In Deutschland gibt es viel Unterstützung, zum Beispiel für Mädchen. Viele Mädchen im Iran konnten oder wollten nicht bei ihrer Familie leben, weil die Eltern nicht gut zu ihren waren oder Ähnliches, aber sie konnten nichts daran ändern. Entweder sie sind abgehauen auf die Straße, was richtig schlimm ist oder sie sind trotz der Probleme bei der Familie geblieben und konnten nicht leben, wie sie es wollten. Es gibt auch gar nicht so richtige Gesetze, die Leute machen, was sie wollen. Obwohl der Iran ein religiöses Land ist und gesagt wird, dass es keine Grenzen zwischen den verschiedenen muslimischen Ausrichtungen gäbe, verhalten sich die Menschen dort nicht so. Sie sind zu Fremden, auch nur aus einer anderen Stadt, sehr unfreundlich. Da man in Deutschland mit so vielen Nationen vermischt lebt, sind die Menschen hier generell offener, glaube ich.

Dann kommen wir jetzt zu den schlechten Sachen. Was gefällt dir hier nicht und was würdest du ändern, wenn du es könntest?

Zahra: Ich glaube, im Moment möchte ich gar nichts ändern.

Ist dir schon mal was richtig Schlimmes passiert? Wurdest du schon mal angefeindet, zum Beispiel von Mitschülern, weil du geflüchtet bist, oder Ähnliches?

Zahra: Nein, das ist mir noch nicht passiert.

Fühlst du dich hier als Frau anders behandelt? Darüber haben wir ja schon ein bisschen gesprochen, du hast jetzt hier mehr Möglichkeiten, richtig?

Zahra: Ich konnte viele Dinge im Iran nicht tun.

Hättest du im Iran einen Freund haben dürfen, ohne ihn zu heiraten?

Zahra: Nein, ich hätte keinen Freund haben können. Also sagen wir so, hätte ich wirklich gewollt, hätte das schon funktioniert, viele hatten heimlich Freunde. Häufig wissen die Eltern auch Bescheid, vor allem die Mütter. Und beispielsweise in der Hauptstadt ist es den reichen Leuten auch egal.

Ah ok, aber generell wäre es nicht gut angesehen, wenn du zum Beispiel mit einem Jungen Händchen haltend durch die Straße laufen würdest.

Zahra: Oh nein, da würden wir beide verhaftet werden. Nur wenn man verheiratet ist, ist das ok.

Und du möchtest jetzt auch gerne weiter in Deutschland bleiben oder zieht es dich nochmal woanders hin?

Zahra: Erstmal Deutschland! (lachen) Ich mag Deutschland, hier gibt es einfach viel Gutes.

Könntest du dir vorstellen nochmal im Iran zu leben?

Zahra: Nein, überhaupt nicht. Schon als ich noch im Iran gelebt habe, habe ich ja gesagt, Hauptsache nicht mehr im Iran leben. In meinem Land gibt es Krieg, da kann ich nicht leben. Und selbst, wenn der Krieg beendet wäre… Ich habe mir geschworen, ich wäre noch lieber am Nordpol als im Iran. Ich kann es mir heute nicht vorstellen, nochmal zurückzukehren.

Ich möchte mich noch einmal sehr für dieses inspirierende Gespräch bedanken! Ich muss sagen, dass mich diese starke und emanzipierte junge Frau während unseres Gesprächs sehr beeindruckt hat. Und ich habe keinerlei Zweifel, dass Zahra ihren Weg gehen wird.

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