Nachhall aus dem Wunderland

03.06.2019

Was passiert, wenn die Regeln und Einflüsse der menschlichen Gesellschaft in einer verrückten Fantasiewelt aufgehoben werden? Wenn man ganz allein für sich entscheiden dürfte, wer man ist und wie man werden will?

Die vergangenen Wochen durfte ich am AlarmTheater als Praktikant dabei sein und miterleben, wie sich "Alice" von den ersten Proben bis hin zu den Aufführungen entwickelt hat.

Alice ist von der Frage getrieben, wer sie selbst ist. Die gesellschaftliche Definition mit Name, Alter, Geschlecht und Beruf schränkt sie ein. Sie hat viele Facetten und möchte sich entfalten. So schlüpfen elf Mitglieder des Internationalen Jugendensembles in die Rolle der Alice, indem sie ihre Insignien, die Blumenkrone und die gelbe Schürze, immer weiter reichen.

"Ich will, dass wir wir sind."


Allen Alices gemeinsam ist die Suche nach sich selbst und nach der eigenen Realität. Aber selbst die wird in Frage gestellt; die gesellschaftlichen Regeln und Normen grenzen nicht nur im Wunderland an Absurdität.


Lose auf der literarischen Vorlage von Lewis Carroll basierend, trifft Alice nicht nur auf bekannte Figuren, wie die Grinsekatze und das weiße Kaninchen, sondern auch auf neue, selbst erschaffene Karikaturen der Erwachsenenwelt, wie den dadaistischen Nonsens-redenden Dodo-Chancellor.

Am Ende wird Alice klar, dass jede Entscheidung, die sie mit ihrem Herz in der Hand trifft, auch die richtige ist, und schafft es so, auch die gefühlskalte Herzkönigin mit Blumenkrone und Schürze in Alice zu verwandeln. Denn jeder kann Alice sein.

Begleitet wurde das Stück durch eine Videoinstallation, durch die die echte Welt in das Wunderland eindrang.

Die Bühne selbst glich einer Skaterrampe, auf der die Akteur*innen allerlei athletische Leistungen vollbrachten.

Unterlegt wurde die Bühnenhandlung von der stückeigenen Band, die diese mit ihren bunten Kostümen, eigenen schauspielerischen Parts und natürlich der selbstgeschriebenen Musik auf den Punkt gebracht hat.

Zuletzt haben die kubistischen Masken von Wintercroft, die unsere Kostümbildner*innen in langer Arbeit gebastelt haben, dem Stück eine moderne Note gegeben.

Auch dem Publikum schien es gefallen zu haben:

"Ich war sehr begeistert von der Kraft der jungen Leute, fand das schauspielerisch auf dem Punkt und auch von der Ästhetik her. Ich hatte wirklich so oft Gänsehaut, weil das einfach so herrlich gespielt war und einen in eine ganz andere Welt geführt hat, und man aber trotzdem so viel auf sein eigenes Leben projizieren konnte."

"Ich glaube, die Thematik ist für so junge Menschen - ist für jeden Menschen, eigentlich - etwas sehr, sehr Tragendes: Wer bin ich, wo will ich hin? Aber ich glaube, gerade für junge Menschen, die, in so einer diffusen Gesellschaft wie wir lebend, irgendwie was finden wollen, ist das auf den Punkt gebracht."

Insgesamt gab es acht Aufführungen, die alle fast vollständig ausverkauft waren. Hoffentlich hat es allen Zuschauern genau so gut gefallen wie mir!

 

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